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«Sanitas ist finanziell sehr gut unterwegs.»

Der CEO von Sanitas Otto Bitterli erläutert, welche Erfolge das Unternehmen im Jahr 2011 erzielt hat. Wieso Krankenversicherer sich in der Öffentlichkeit besser verkaufen müssen und Sanitas dafür Stakeholdern das Wort zu pointierten Aussagen gibt. Und warum er trotz Kundenabgängen und der Diskussion um die Einführung einer Einheitskasse immer noch gut schläft.

Herr Bitterli, letztes Jahr haben Sie sich viel vorgenommen. Sind Sie zufrieden mit dem Jahr 2011?

2011 haben wir einiges erreicht. Das Wichtigste: Wir sind finanziell sehr gut unterwegs. Die Reserven sind per 31. Dezember 2011 wieder über die vom Bundesamt für Gesundheit geforderten 10 Prozent gestiegen. Als zweites Highlight möchte ich die erfolgreiche Migration auf eine neue IT-Plattform hervorheben. Ein solches Projekt stellt eine grosse Herausforderung dar. Wir haben diese ohne Beeinträchtigung des Tagesgeschäfts gemeistert. Ein drittes Ausrufezeichen haben wir mit der erfolgreich angelaufenen Kooperation mit AWD im Sorglos-Paket «Gesundheit» gesetzt. Wir haben damit bis Ende 2011 mehr als 10 000 Kunden gewonnen. Ein Wermutstropfen bleibt: Insgesamt haben wir mehr Kundenabgänge als Kundenzugänge zu verzeichnen.

Auch auf Verbandsebene ist einiges passiert: Sanitas ist aus dem Branchenverband santésuisse ausgetreten und hat gemeinsam mit Helsana und Groupe Mutuel die Allianz Schweizer Krankenversicherer gegründet.

Der Sanitas Geschäftsbericht 2011 macht mit Aussagen zu den Krankenversicherungen deren Selbstverständnis zum Thema. Weshalb?

Die Branche hat in der Öffentlichkeit nicht die Reputation, die sie eigentlich verdient. Das hat sie teilweise sich selbst zuzuschreiben. Die Krankenversicherungen konnten bisher zu wenig gut vermitteln, welch wichtige Funktion sie wahrnehmen. Gerade die immer wiederkehrenden Initiativen zur Schaffung einer Einheitskasse zeigen dies. Sanitas will sich Vorurteilen und gängigen Klischees stellen, Probleme ansprechen und proaktiv darauf eingehen. Darum stehen im Geschäftsbericht auch Aussagen verschiedener Stakeholder im Mittelpunkt – absichtlich in Form von Fragen, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden. Wir haben die Antworten und geben sie. Damit möchten wir das Wissen über das verbessern, was wir tun, und so Verständnis schaffen.

Eines der erneut im Raum stehenden Themen ist die Einheitskasse: Wäre es denn nicht sinnvoll, wenn die Krankenversicherer sich nur auf die Zusatzversicherungen konzentrierten?

Die Leistung gegenüber dem Kunden muss als Gesamtpaket aus den Leistungen der Grundversicherung und der Zusatzversicherung angeschaut werden. Dieses Paket ist essentiell, damit die Krankenversicherer eine kritische Grösse erreichen, die unabdingbar ist, um die nötigen technischen und organisatorischen Bedingungen zu schaffen und ein hohes Niveau an Qualität und Verfügbarkeit zu erbringen. Wir setzen uns deshalb auch dafür ein, dass unser bewährtes Schweizer System nicht in einen staatlichen Einheitsbrei ohne Wahlmöglichkeiten umgewandelt wird.

«Wer weiss denn schon, dass wir pro Arbeitstag ungefähr 10 Millionen Franken auszahlen?»

In einer der provokativen Aussagen kommt auch die Zusammenarbeit mit Leistungserbringern wie Ärzten und Spitälern zur Sprache. Was ist denn die Lösung für diesen fast naturgegebenen Konflikt?

Unser Kontakt zu den Leistungserbringern ist gut, auch wenn es – wie allgemein in Beziehungen – unterschiedlich zu- und hergeht. Leistungserbringer sind sich nicht immer gewohnt, dass sie von Krankenversicherern kontrolliert werden. Wir haben aber den gesetzlichen Auftrag und denjenigen unserer Kunden, die medizinischen Leistungen auf ihre Wirtschaftlichkeit zu überprüfen. Dabei werden nicht Behandlungen, sondern Rechnungen und Abläufe kontrolliert. Wer weiss denn schon, dass wir pro Arbeitstag ungefähr 10 Millionen Franken auszahlen? Da ist es doch sinnvoll, wenn gewisse Kontrollen stattfinden. Wir haben damit im Jahr 2011 345 Millionen Franken eingespart. Die Therapiefreiheit für Ärzte und Patienten ist uns sehr wichtig und wird selbstverständlich immer garantiert. Um eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten, ist es Sanitas ein Anliegen, dass sich die Abläufe zwischen den beiden Parteien möglichst gut ineinander verzahnen. Daran arbeiten wir intensiv.

Die Zusammenarbeit war auch Thema bei den Verhandlungen mit Spitälern im Rahmen der Kooperation im Leistungseinkauf mit Helsana und KPT. Auch dank der pragmatischen und kooperativen Haltung konnten mit der Mehrheit der Spitäler erfolgreich Verträge abgeschlossen werden.

Wie halten Sie es mit dem Abbau an Bürokratie, ein Begriff, der im Zusammenhang mit Krankenversicherern auch gerne kritisch ins Feld geführt wird?

Es geht um Effizienz, darum, die hohe Qualität und Verfügbarkeit kostengünstig zu erbringen. Die Vorstellung, dass wir Krankenversicherer bürokratische Gebilde sind, beruht auf mangelhafter Information. Sanitas will Prozessabläufe vereinfachen und sogenannte Medienbrüche entlang der Wertschöpfungskette vermeiden. Konkret: Ein Versicherter soll operiert werden. Dazu erfolgt der Austausch zwischen Sanitas und dem Spital per Versichertenkarte, per Fax, per E-Mail und teilweise sogar noch per Post. Und das bei Tausenden von Spitalaufenthalten pro Jahr! Wir stellen uns berechtigterweise die Frage, wie dieser Prozessablauf vereinfacht werden kann: bei uns intern mit automatisierten Kostenkontrollen und elektronischer Datenübermittlung, aber auch in der technischen Einbindung des Leistungserbringers. Es lohnt sich, zu analysieren, wie man miteinander effizienter umgehen kann. Hier ist das Thema Information und gegenseitiges Verständnis angesprochen, denn solche Analysen bringen vertieftes Wissen über die Zusammenhänge, und wir gewinnen das Vertrauen unserer Partner für bessere Lösungen.
Initiativen zum Bürokratieabbau >

«Der Automatisierungsgrad wurde deutlich erhöht.»

Sie sprechen die Effizienz an. Sie hatten dies im letzten Jahr zum Leitthema gemacht. Wie weit konnten Sie die Versprechen des letzten Jahres einlösen?

Mehrere Ziele sind erreicht worden. Im letzten Jahr wurde der automatisierte Durchgang der Rechnungen deutlich erhöht. Bei uns laufen mittlerweile beinahe 60 Prozent aller Rechnungen automatisiert durch die Systeme. Auch in den wichtigen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine ist man einen grossen Schritt weitergekommen, nicht zuletzt dadurch, dass die IT-Systeme auf einen modernen Standard gebracht wurden. Damit haben wir eine gute Grundlage für die weitere Zukunft geschaffen.

Stichwort Digitalisierung: Der Online-Bereich scheint bei Krankenversicherern strategisch eine wichtige Rolle zu spielen. Wo steht Sanitas?

Sanitas hat die Basis gelegt, um auch im Online-Bereich erstklassig zu sein. Die Website wurde rundum erneuert, beim Geschäftsbericht steht das Thema «online» ebenfalls im Mittelpunkt, und Mitte 2012 wird ein neues Online-Kundenportal aufgeschaltet. Im Vordergrund steht für die Kunden die Unabhängigkeit von Raum und Zeit. Und der Komfort, diverse Anpassungen selbst machen zu können. Das Portal wird als Zusatzleistung verstanden, es ist kein Serviceabbau vorgesehen. Zudem ist es von Vorteil, dass die Kunden und die Mitarbeitenden von Sanitas auf dem gleichen System arbeiten. Unsere Mitarbeitenden können sich so gut in die Kundensituation versetzen und die Kunden darum hervorragend beraten. Wir haben viel in den Online-Bereich investiert. Wir sehen dies auch als konsequente Modernisierung der Marke Sanitas, die in den letzten Jahren stattgefunden hat. Und wir werden auch in Zukunft in die Marke weiter investieren.

Themenwechsel zum eingangs von Ihnen angesprochenen Wermutstropfen des Geschäftsjahres: 30 000 Versicherte haben Sanitas per 1. Januar 2012 verlassen. Was tut Sanitas gegen diese Abwanderung?

Nach den markanten Prämienerhöhungen im Vorjahr haben wir kein Wachstum erwartet. Wir waren trotzdem etwas überrascht von der hohen Zahl der Abgänge. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass sich die Abgänge im üblichen Rahmen befinden, die Neuzugänge aber unterdurchschnittlich waren. Sanitas gibt da mit der neu eingeführten Angebotsdifferenzierung Gegensteuer. Zusätzlich werden weitere Kooperationen angestrebt, die einen spürbaren Mehrwert für Kunden schaffen. Vorbild dafür ist die erfolgreiche neue Form der Zusammenarbeit, die wir mit AWD eingegangen sind. Wichtig ist jedoch, die eigenen Hausaufgaben zu machen und unseren Kunden den erstklassigen Service zu bieten, für den Sanitas bekannt ist.

Sanitas hat ihr Angebot differenziert. Besteht da nicht die Gefahr, dass der Kunde vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht?

Im Gegenteil: Jeder Kunde kann bei Sanitas das Angebot auswählen, welches seinem Bedürfnis am ehesten entspricht. Wir haben neu drei Angebote. 2009 haben wir Compact für das Lower-Cost-Segment eingeführt. Da bietet es sich an, auch für den anspruchsvolleren Kunden mit Spitalzusatzversicherungen ein spezifisches Angebot zu schaffen. Und dies, davon bin ich überzeugt, wird mit Preference erreicht. Die Versicherten erhalten Anspruch auf gehobene Dienstleistungen wie persönliche Beratung oder eine medizinische Zweitmeinung durch anerkannte Experten. Das dritte Segment Original umfasst alle Kunden mit einer Sanitas oder Wincare Grundversicherung und ergänzenden Zusatzversicherungen, was mehr als die Hälfte der Kunden ausmacht. Bei Original garantieren wir den Kunden einen prozessorientierten, reibungslosen Service.

«Mit den Leistungserbringern werden weitere Kooperationen angestrebt, die einen spürbaren Mehrwert schaffen.»

Stichwort Spitalfinanzierung. Vor einem Jahr waren Sie dem Fallpauschalen- Modell DRG (diagnosis-related groups) gegenüber kritisch eingestellt. Hat sich Ihre Meinung im vergangenen Jahr geändert?

Meine Meinung ist in den Grundsätzen gleich geblieben. Es ist sehr positiv, dass man nun mittels eines Benchmarks Effizienzvergleiche zwischen den einzelnen Spitälern anstellen kann. Wenn aber gleichzeitig kantonale Spitalregulierungen weitergeführt werden und sich die Fallkosten nicht am effizienten Spital orientieren, wird der positive Effekt von Transparenz und Wettbewerb aufgehoben. Denn die Regelung führt dazu, dass Spitäler, die sich durch die Spitalfinanzierung gewisse Fälle eigentlich nicht mehr leisten könnten, subventioniert werden, um eben diese Operationen durchführen zu können. In einem Spital zum Beispiel lediglich fünf Magen-Bypass-Operationen pro Jahr durchzuführen, ist einfach nicht wirtschaftlich, aber auch qualitativ bedenklich.

Kommen wir noch auf das schwierige Umfeld an den Finanzmärkten zu sprechen. Wie meistert Sanitas das Anlageproblem?

Mit einer auf die Strategie und die finanziellen Möglichkeiten abgestimmten Anlagepolitik. Wir haben in der Grundversicherung bereits Anfang 2010 unsere Aktienportfolios zu Gunsten einer höheren Liquidität drastisch reduziert. Das hat sich angesichts der schlechten Börsenentwicklung ausbezahlt. Mit anderen Worten: Wir haben nicht nur in unserem Betriebsergebnis deutlich Verbesserungen erzielt. Mit 13,1 Prozent Reserven, einer Combined Ratio von 95,5 Prozent in der Grundversicherung und 100,8 Prozent in der Zusatzversicherung und einem Ergebnis von 79,4 Millionen Franken sind wir auch für die schwer einschätzbaren Entwicklungen an den Finanzmärkten gut gerüstet. Schliesslich, und das gehört auch zur besseren Information über unsere Aufgaben, ist das Finanzmanagement integraler Bestandteil eines Krankenversicherers.
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